« Zurück zur Übersicht

Die Zähne der Zeit

„Diese Stadt“, sagt der renommierte Hamburger Architekt Volkwin Marg, „ist ein Kunstwerk!“ Dass dies nicht für alles gilt, hat er gerade mit seinem sensiblen Entwurf für die Rettung der City-Höfe am Deichtorplatz erfahren müssen, denn die Behörden und ungeduldige Projektentwickler wollen diese partout niederreißen lassen und ersetzen – trotz eines ausgesprochenen staatlichen Denkmalschutzes

City-Höfe heute

Die City-Hof-Häuser heute, mit ihren grauen Eternit-Platten, die 1978 auf die Originalverkleidung gesetzt wurden (1)

„So richtig interessieren sich diese Stadt und ihre Bürger doch gar nicht für diesen City-Hof“, glaubt ein Redakteur des Hamburger Abendblatts, und sein Blatt hält sich zurück in einer Diskussion, die in der Architekturszene gerade hochkocht. Gemeint sind die vier heruntergekommenen Hochhausklötze zwischen Kontorhausviertel und Hauptbahnhof. Denkmalschutz und Baukultur sind ein Nischenthema, mag mancher glauben machen, und Architektur- und Umweltqualität nur eine Debatte unter Freaks und der City-Hof nur ein Schandfleck mit dem Charme eines Vorstadtkinos? „Freie und Abrissstadt Hamburg“ – bitte übernehmen Sie! So wie die wundersamen Gewerbebauten mit ihrem eigenwilligen Eisenbetonziegelfachwerk auf der Peute, so wie die historische Pfeilerbahn in der HafenCity oder die Esso-Häuser auf St. Pauli sollen die vier auf dem Müllplatz der Baugeschichte landen – egal, was die Entsorgung kosten mag. Hauptsache man kann danach wieder in Betongold investieren.

City-Höfe damals

Das Hochhaus-Ensemble, wie es sich kurz nach seiner Fertigstellung Ende der 1950er Jahre präsentierte (2)

Muss das sein? Eine interessierte Minderheit, der die baulichen Wurzeln nicht gleich sind, meint nein! Dazu gehören nicht nur viele Architekten, sondern alle, die sich für eine nachhaltige tolerante Stadtplanung aussprechen. Allerdings schreibt hier kein rettungsloser Nostalgiker, keiner, der wie auf dem Schachbrett Weiß möglichst schnell zum Sieg führen muss, nur weil er den ersten Zug gemacht hat. Hier äußert sich einer, der abwägen will und ein bisschen mehr Zeit für Entscheidungen braucht.

Um im Bild zu bleiben: Im Falle des City-Hofes hat der Senat eine ganz bestimmte Eröffnungsvariante gewählt, ein Gambit, bei dem die Dame, also die stärkste Figur, unvermittelt ins Spiel geschickt wird, und die will den Abriss um jeden Preis! Nur was wird, wenn dieser schnelle Angriff verpufft, weil der Gegner zu gut aufgestellt ist? Der Kampf um den Erhalt des City-Hofes wirkt inzwischen wie ein schnödes Patt und das kann von Weiß nur noch mit Tricks gewonnen werden, und die sind beim Schach eigentlich untersagt.

City-Höfe 1958

Circa 1958: Die gerade erst fertiggestellten City-Hof-Hochhäuser sind noch großzügig freigestellt und geben ein deutliches Statement gegenüber der sie umgebenden Architektur der Vergangenheit ab, von der Markthalle bis zum Kontorhausviertel und der Speicherstadt (3)

Ralf Lange nennt das Ensemble der City-Hof-Hochhäuser und ihrer Passage ein „architektonisches Fanal“. Ralf Lange ist einer der versiertesten Kunsthistoriker der Hansestadt, der Spezialist für das frisch gewonnene Weltkulturerbe, die Speicherstadt und die Kontorhäuser, und der City-Hof ist ein enger Nachbar und ein Weiterbau des Kontorhausviertels. Dessen Architekt Rudolf Klophaus (1885 bis 1957) hatte in der Vorkriegszeit den Mohlenhof, den Altstädterhof an der Steinstraße und das Pressehaus am Speersort für das Naziorgan Hamburger Tageblatt gebaut. Der Parteigenosse erhielt nach Kriegsende 1945 deswegen ein Berufsverbot bis 1947. Später baute Rudolf Klophaus dann die vier Hochhäuser des City-Hofes und eine der ersten offenen City-Passagen der Bundesrepublik (1954 bis 1956).

Es wirkt zwar skurril, wenn man gestern noch Blut- und Bodenarchitektur realisierte und gut zehn Jahre später ein Vorzeigestück der „gegliederten und aufgelockerten Stad“ (so hieß das damals) eben am Ende der „großen Ost-West-Straßenachse“ anbot. Aber frühe Fotos beweisen: Das Ensemble kann sich sehen lassen, mit seinen akkurat geschnittenen Fassaden im Zeichen des Quadrats und dem eleganten Schnitt der Baukörper. Nicht so perfekt modernistisch wie das mittlerweile rekonstruierte Hauptquartier der Reederei Hamburg Süd mit ihrer transparenten Vorhangfassade, aber auch nicht so wuchtig wie das ähnlich strukturierte ehemalige Frankfurter IG-Farbenhaus (1931) von Hans Poelzig, das noch heute wertgeschätzt und nach dem Krieg als Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht und nun von der Johann Wolfgang Goethe-Universität genutzt wird.

Richtfest City-Höfe

Links: Am 12. Juni 1956 feiert Hamburg Richtfest der City-Höfe (4) Rechts: Der Architekt Rudolf Klophaus im angeregten Gespräch, kurz bevor er im Sommer 1957 überraschend verstarb (5)

City-Höfe

Kopfsteinpflaster, kaum Autos, keine Menschen auf den breiten Bürgersteigen: Das städtische Umfeld, wie es zur Bauzeit in den 1950er Jahren bestand, hat sich inzwischen gründlich verändert (6)

Die City-Höfe allerdings gelten als „hässlich“ und müssen mit einem entscheidenden Makel leben. In den 1950er Jahren hatte der Architekt mit einem Fassadenmaterial namens Leca experimentiert, was für Light Expanded Clay Agrates stand. Es bewährte sich nicht und wurde dann 1978 durch jene grauen Platten ersetzt, die heute so schäbig in den Hamburger Himmel hängen. „Schandfleck oder verkanntes Juwel?“, fragte deswegen Ralf Lange 2014 in einem Porträt über den Architekten Klophaus im Hamburger Architekturjahrbuch. Trotzdem waren sich Fachleute und Fans einig: 2013 wurde das Bauwerk unter staatlichen Denkmalschutz gestellt. Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter, dem berufsmäßig die informelle Rolle eines ästhetischen Gewissens zusteht, sprach sich energisch für Abriss aus, schließlich würden die Klötzchen Hamburgs schöne „Altstadt“-Krone stören.

Nun sind wir Hanseaten ja als Wegwerfgesellschaft in Sachen alter Häuser bekannt, besonders dann, wenn es um Profit geht. „Und auf der Jagd danach wird das Baudenkmal City-Hochhäuser geopfert“, sagte der Hamburger Architekt Volkwin Marg, der in der Folge zur Speerspitze eines sich immer stärker formulierenden Widerstands geworden ist. Die HafenCity-Universität, der Bund Deutscher Architekten oder eine eigens gegründete Initiative „City-Hof“ ziehen jetzt an einem Strang. Über einen von der Rudolf-Lodders-Stiftung ausgeschriebenen Studierendenwettbewerb nahmen zahlreiche Architekturhochschulen aus ganz Deutschland teil; die Accademia di architettura Mendrisio aus der italienischen Schweiz machte aus der Rettung des Hauses ein großes Uni-Projekt; sie alle zeigen Emotion, Verstand und Ideen, um zeitgemäß die vier hohen Häuser und die Passage in die Zukunft zu puschen. Beide Bauteile besitzen ein hohes Potenzial für wirklich urbane Nutzungen, und die Passage setzt besonders bei jungen Architekten Fantasien aus Glas und Stahl frei, die sicher einer Stararchitektin wie Zaha Hadid würdig wären.

Stattdessen wurde ein Bieterverfahren einberufen, nach dem Motto: Der Billigste soll gewinnen. Was stört, muss in Hamburg weg – wenn es der Investor will.

Volkwin Marg scheiterte mit seinem Vorschlag, die Häuser zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu erhalten. Denn mittlerweile geht es gar nicht mehr um Architektur, Städtebau oder Denkmalpflege, sondern nur noch um ein Neubau-Verfahren, das mit aller Arroganz durchgezogen werden soll. Im Oktober 2015 forderten deswegen Institutionen wie die Architektenkammer, die Patriotische Gesellschaft, die Freie Akademie oder der Denkmalrat in einer konzertierten Aktion den Ersten Bürgermeister auf, mehr Transparenz in diesem Verfahren walten zu lassen und eine Begründung von Senat und Bürgerschaft, warum Erhaltungskonzepte ausgeschlossen werden: „Die Tatsache, dass die City-Höfe unter Denkmalschutz stehen, wird dabei besonders zu berücksichtigen sein“, hieß es im offenen Brief.

Im Frühjahr 2016 geht das Drumherumreden immer noch weiter. Inzwischen existieren Modellfotos von einem Vorentwurf des Neubaus, den man schlicht medioker nennen muss. Die Bürgerschaft möchte allerdings mehr sehen, bevor die Anhandgabe der Immobilie an einen Projektentwickler endgültig in einen Verkauf umgewandelt wird, und denkt über einen Architektenwettbewerb nach.

Vielleicht sollte man jetzt das Patt hinnehmen, die Unentschiedenheit erst einmal positiv nutzen und akzeptieren, dass zwar keine breite Bevölkerungsschicht die wahre Schönheit des Objekts erkennt, aber trotzdem nicht veräppelt werden will, wenn es nur um die Interessen der Investoren geht. Die Olympia-Ablehnung sollte doch genug Warnung gewesen sein.

Die unerkannte Schöne hatte sich derweil schlafen gelegt. Die Abbruchhämmer kommen frühestens 2018. Es gibt also noch viel zu tun, um aus dem doofen Patt ein brauchbares Remis zu machen.

City-Höfe Ladenzeile

City-Höfe 2016: Die vernachlässigten Ladenzeilen in den Sockelzonen mit ihren altmodischen, aber charmanten Schaufenstervitrinen bieten heute einen traurigen Anblick (7)


Fünf Gründe, sich Zeit zu nehmen und für eine ordentliche Lösung Zeit zu gewinnen 

1. Ein Abbruch kostet unverantwortlich viel Primärenergie – das gilt es zu vermeiden!

2. Die Zwischenzeit wird für temporäre Aufgaben genutzt – das Flüchtlingsproblem ist noch lange nicht gelöst!

3. Die City-Höfe liegen an einem wichtigen Ort der Innenstadt, ein Willkommenspunkt sozusagen; hier kommen Bahngäste an wie auch die Autobahnfahrer; der gesamte Ort muss neu geplant werden; nur ein ordentliches Verfahren wie ein städtebaulicher Wettbewerb kann für eine Neuordnung von Verkehr und Bebauung sorgen! 

4. Architektonisch und baukulturell denken, übergeordnet planen! Ein neues „Willkommenshöft“ entsteht: eine „UNESCO Piazza“, direkt am Weltkulturerbe auf dem Deichtorkreisel wird zur neuen Empfangshalle der Hansestadt! 

5. Slow Urbanism könnte für eine Win-win-Situation aller Beteiligten sorgen: Aus dem Patt wird ein Remis auf Augenhöhe.


 

Text: Dirk Meyhöfer; Fotos: Jonas Wölk (1, 7), Herbert Wedemeyer (2, 3, 5), Georg Baur (6);
Fotoquellen: Hamburgisches Architekturarchiv (3, 4, 5, 6), Initiative City-Hof (2)
Aktuelle Ausgabe, Quartier 33, März–Mai 2016 , Rubrik:    
« Zurück zur Übersicht