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Zampel, Klatschen, Probenstecher

Die Inhaber der Firma Kelle blicken zusammen auf 155 Jahre Erfahrung mit Lagerbedarf und Hafenhandwerk zurück.


Traditionspflege: Lagerhausbedarf wie zu Großvaters Zeiten bieten die Kaufleute Heinrich Bertram (oben) und Artur Grawe (unten). (1)

Traditionspflege: Lagerhausbedarf wie zu Großvaters Zeiten bieten die Kaufleute Heinrich Bertram (oben) und Artur Grawe (unten). (1)


Wenn – wie das Sprichwort sagt – „Arbeit adelt“, dann müsste man den Verkaufstresen der Firma Wilhelm Kelle ständig mit „Durchlaucht“ ansprechen: Dieser sogenannten Tonbank im Fachgeschäft für „Speditions- und Lagerhausbedarf, Eisenwaren und Werkzeuge“ sieht man nämlich ihre langjährige Funktion auf den ersten Blick in Form von Riefen, Kratzern und Unebenheiten an. Was bei Loriot noch den panischen Hausfrauen-Aufschrei „Die zerschrammen mir ja die Anrichte“ verursacht hätte, ist den Kunden der traditionsreichen Firma Kelle an der Straße Bei den Mühren 82 erlaubt. „Sie dürfen hier gern mal die Schärfe eines Messers oder Schabers ausprobieren“, meint Mitinhaber Heinrich Bertram (73) und macht es gleich einmal vor. Tatsächlich haben auf dieser royalen Tonbank über Jahrzehnte schon so mancher Hammer, Säge, Schleifer, Schraubenzieher und sonstiges Folterinstrument entsprechende Spuren hinterlassen, und das Möbel erwies sich dabei als genauso handfest wie ihre Besitzer und die Gewerbe, die in dem urigen Laden am Zollkanal gegenüber der Speicherstadt regelmäßig ausgestattet wurden: Quartierslüüt und andere Lagerarbeiter, Spediteure und Ewerführer, Festmacher, Kaffee- und Gewürzkontrolleure, um nur einige zu nennen.
Von einstiger hafenhandwerklicher Glückseligkeit ist in der Nachbarschaft eigentlich nur noch die imagefördernd beleuchtete Speicherstadt-Fassade geblieben. Lagerung findet dort praktisch nicht mehr statt. Und so sieht man auch nicht mehr wie einst die Kunden im schmutzig-originalen Arbeitshabit bei Kelle auftauchen und schnell mal irgendein Ersatzteil oder Spezialwerkzeug abholen. Ohnehin: So fern die traditionellen Hafen- und Lagergewerbe der Speicherstadt heute sein mögen, so exotisch klingt auch das, was Heinrich Bertram und Kompagnon Artur Grawe (82) weiterhin wochentags bereit halten: Da gibt es Sackklatschen und Probenheber, Handhaken und Schablonen, Sackreifen, Plombenzangen, Probenstecher und Zampel. Ach ja, der Zampel: ein kleiner Jutesack, den man mit einem kurzen Strick verschnüren kann. „Darin hat der Hafenarbeiter immer sein Frühstücksbrot, seine Thermoskanne und vielleicht auch ein paar Werkzeuge mit sich herumgetragen“, berichtet Bertram. Ausgerüstet mit seinem Zampel, stellte sich der Hamburger Hafenarbeiter an die Waterkant und wartete auf die Hafenfähre. „Inzwischen braucht er keinen Zampel mehr, denn heute fährt der Hafenarbeiter mit dem Auto zur Arbeit“, erklärt der gebürtige Hamburger nicht ohne Wehmut.

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Der Zampel hat dennoch überlebt, denn das genauso handliche wie robuste Säckchen, vielleicht noch mit dekorativem Hamburg-Schriftzug versehen, wird bei Touristen immer beliebter. Wie wohl der besuchsweise Vorbeikommende in Kelles wundersamer Warenwelt bei einem Sortiment von rund 3.000 Artikeln durchaus fündig werden kann, nicht zuletzt in einem riesigen Sortiment robuster Messer „made in Germany“ für Fischer, Matrosen und Lagerarbeiter. Für den ultimativen Klingentest bietet sich dann ja die fürstliche Tresenplatte an, übrigens durchaus nicht das älteste Stück in der Firma, die bereits 1932 gegründet wurde. Die Tonbank nämlich stammt noch aus der Gründerzeit und lernte während der legendären Hamburger Sturmflut von 1962, damals noch am alten Standort im Zippelhaus, schwimmen, wie sich die beiden Kaufleute noch gut erinnern können. Erst anschließend spendierte Firmengründer Wilhelm Kelle eine neue Tischplatte, die auf die alte draufgesetzt wurde.
Ob die nunmehr bald 80-jährige Tradition des Hauses aber fortgesetzt werden kann, steht in den Sternen. Denn die Nachfolgefrage ist zum großen Bedauern von „Junior“ Bertram und seinem aus Stralsund stammenden Kompagnon ungewiss. Mehrfach haben sie versucht, einen potenziellen Nachfolger einzuarbeiten. Doch zwischen Hebern und Stechern, Klatschen und Zangen hat bislang auch der hartnäckigste Proband nach spätestens sechs Monaten aufgegeben. 

 

Text: Michael Hertel, Fotos: Michael Hertel (1), Thomas Hampel (2)
Quartier 08, Dezember 2009–Februar 2010 , Rubrik:    
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